1. eLabour-Konferenz

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1. eLabour-Konferenz 2017-10-08T13:47:51+00:00

1. eLabour-Konferenz (08./09.02.2017): Neue Konturen von Produktion und Arbeit? Debatten über Wege, Risiken und Nutzen IT-basierter Sekundäranalyse.

Auf seiner ersten Werkstatt-Konferenz hat der Forschungsverbund eLabour seine Überlegungen zum Aufbau eines neuen Forschungsdatenzentrums vorgestellt und über die ersten Erfahrungen diskutiert, die in sechs Pilotprojekten mit der Sekundäranalyse qualitativer arbeitssoziologischer Studien gesammelt wurden. Die Diskussionen waren ausgesprochen lebhaft: Keinen Zweifel gab es daran, dass aktuelle soziologische Forschung enorm davon profitieren kann, wenn aktuelle Fragestellungen unter Rückgriff auf empirische Studien aus vier Jahrzehnten bearbeitet werden – doch wie genau ist ein solches Vorhaben anzugehen? Wie kann man Material nutzen, wie muss man es kontextualisieren, wenn man an der Erhebung (meist) nicht selbst beteiligt war? Welche Anforderungen muss eine IT-basierte Forschungsdateninfrastruktur erfüllen, um derlei Analysen zu erleichtern oder gar erst zu ermöglichen – und welche Herausforderungen stellt arbeitssoziologisches Material an Forschende aus dem Bereich der IT‑ und Informationswissenschaft? Fragen wie diese standen im Mittelpunkt der Konferenz, an der 65 Personen teilnahmen. Neben den Mitgliedern des interdisziplinären Forschungsverbundes (SOFI, ISF München, sfs Dortmund, IfS Jena, L3S, SUB Göttingen und GWDG) waren der mit ausgewiesenen ExpertInnen aus Soziologie, IT und Informationswissenschaft besetzte Beirat, der Projektträger und interessierte WissenschaftlerInnen – vorwiegend aus der Soziologie – anwesend. Ziel der Konferenz war es, den Anwesenden einen ersten Einblick in den experimentellen, interdisziplinären Entwicklungsprozess der neuen Konzepte, IT-Instrumente und Methoden sowie in die sekundäranalytischen Pilotprojekte zu geben, die in diesem Verbund vorangetrieben werden. Die angeregte, offene Diskussion zeigte, dass die von Nicole Mayer-Ahuja eingangs ausgesprochene Einladung zur Teilnahme an diesem Prozess vom Auditorium angenommen wurde. Der Forschungsverbund betritt in vieler Hinsicht Neuland. Inwiefern eine Sekundäranalyse qualitativer Studien (sei es in Quer‑ oder Längsschnittperspektive) methodisch machbar und inhaltlich ertragreich sein kann, ist umstritten. Dies lässt sich nur klären, indem man anhand konkreter Fragestellungen in die Forschungspraxis einsteigt. Eine Herausforderung ergibt sich daraus, dass neue arbeitssoziologische  Forschungsansätze und geeignete IT-basierte Werkzeuge parallel entwickelt werden. Gelebte Interdisziplinärität im Forschungsalltag ist hierfür entscheidend – dies konnte der Verbund überzeugend demonstrieren. Im Mittelpunkt der ersten Session stand die Frage, wie anhand einer Sekundäranalyse empirischer Momentaufnahmen, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten erhoben wurden, eine Längschnittperspektive auf den Wandel von Wandel entwickelt werden kann. Wolfgang Dunkel und Wolfgang Menz vom ISF München skizzierten ihre Überlegungen dazu auf Basis der Pilotprojekte zu neuen Steuerungsformen von Arbeit (1976-2014) und Interaktiver Dienstleistungsarbeit (1985-2009). In seinem Kommentar skizzierte Hans Pongranz, inwiefern Fallstudienmethoden anschlussfähig für vergleichende Sekundäranalysen seien. In Session 2 wurde das Konzept der Forschungsinfrastruktur für qualitative arbeitssoziologische Sekundäranalysen von Claudia Niederée (L3S), Philipp Wieder (GWDG) und Stefan Schmunk (SUB) vorgestellt und verdeutlicht, wie das Pilotprojekt zur widersprüchlichen Integration von Frauen in Dienstleistungsarbeit davon profitieren kann, das Ellen Hilf und Katja Pohlheim (sfs) bearbeiten. Die dritte Session konzentrierte sich auf die Möglichkeiten der Aufbereitung und der sekundäranalytischen Nutzung jener zahlreichen qualitativen Primärstudien, die im Verlauf der vergangenen Jahrzehnte von SOFI, ISF, sfs und IfS Jena durchgeführt wurden. Vorgestellt wurde exemplarisch ein Teil des bereits verfügbaren Materials (Heidi Hanekop, SOFI) und das speziell für die qualitativen Daten entwickelte Metadatenmodell (Uwe Sikora, SUB). Wie dieses Material genutzt werden kann, demonstrierte Harald Wolf (SOFI) am Beispiel des Pilotprojektes zur Fragmentierung von Arbeit in der Automobilindustrie. In Session 4 wurden IT-Werkzeuge zur Suche, Extraktion und Analyse von arbeitssoziologischem Material am Beispiel des Pilotprojektes zu Gesellschaftsbildern des Prekariats vorgestellt, wobei die Soziologen John Lütten und Jakob Köster (IfS, Jena) gemeinsam mit den InformatikerInnen Claudia Niederée, Nam Khanh Tran (L3S) und Stefan Schmunk (SUB) einen lebendigen Einblick in die methodischen Fragen gaben, die sich in der interdisziplinären Praxis stellen. Die fünfte Session widmete sich schließlich der Kontextualisierung von Forschungsdaten. Wie „fremdes“ Material aus früherer Zeit angemessen re-kontextualisiert werden kann und welche Rolle dabei Studienkontext bzw. zeithistorischer Kontext spielen, wurde von Thomas Goes (SOFI) am Beispiel des Pilotprojektes zu Rationalisierungskonflikten in der Automobilindustrie (1980-2005) diskutiert. Claudia Niederée und Nam Khanh Tran (L3S) präsentierten IT-Werkzeuge, die eine solche zeithistorische Kontextualisierung erleichtert können. Die Abschlussrunde erbrachte eine Vielzahl von Anregungen für den weiteren Aufbau des Zentrums und verdeutlichte das Interesse vieler TeilnehmerInnen an einer Öffnung von eLabour über den Kreis des Verbundes hinaus. Für uns war die Konferenz ein Ansporn: wir kehren mit neuem Schwung in den interdisziplinären Forschungsalltag zurück.

dazu auch: Programm und Foliensätze