Fragmentierte Arbeit

Fragmentierte Arbeit 2020-04-17T18:47:02+00:00

Fragmentierte Arbeit

PD. Dr. Harald Wolf

Die zweite am SOFI durchgeführte Pilotstudie versuchte, eine Längsschnittperspektive auf „Fragmentierte Arbeit“ (Marchington et al. 2005) in der Automobilindustrie zu entwickeln. „Fragmentierung“ meint dabei die neue und zunehmende Arbeitsteiligkeit der materiellen wie immateriellen Produktion und die entsprechende Neudefinition von Tätigkeits-, Kooperations- und Kontrollstrukturen als Resultat von Outsourcing, der Unternehmensvernetzung und der Flexibilisierung von Beschäftigung. Die Rekonstruktion der Herausbildung und Entwicklung fragmentierter Arbeits- und Kooperationsstrukturen von 1980 bis in die Gegenwart erfolgt auf Basis des Primärmaterials aus sechs SOFI-Studien sowie einer Follow-up-Erhebung.

Vier Ergebnisse der Pilotstudie sind besonders hervorzuheben. Erstens erlauben die reichhaltigen Primärmaterialien der früheren Studien (für die ausgewählten Untersuchungsbereiche Endmontage und Forschung & Entwicklung) nicht nur die Rekonstruktion eines fordistischen (vertikal hochintegrierten) „Nullpunkts“ des Produktionssystems, der im starken Kontrast zur späteren Fragmentierung steht, sondern auch von verschiedenen Entwicklungsstufen hin zum heutigen „Fluchtpunkt“ von Fragmentierung. Es zeigt sich, dass fragmentierte Arbeit in der Automobilindustrie sukzessive an Gewicht gewinnt und eine widersprüchliche, mit neuen Belastungserfahrungen verbundene Intensivierung von Kooperationsanforderungen an die Beschäftigten mit sich bringt, die bisher noch zu wenig in den arbeitssoziologischen Blick gerät. Bemerkenswert ist u.a., wie stark die Fragmentierungsdynamik inzwischen auch vermeintliche „Kernkompetenzen“ wie die Forschungs- und Entwicklungsbereiche prägt.

Es lässt sich zweitens eine zunehmende „Politisierung“ des Arbeitsgeschehens beobachten. Im Zuge der widersprüchlichen Kooperationsintensivierung und gleichzeitigen Vervielfältigung organisationaler Differenzen und Verringerung von Distanzen wächst die Bedeutung der Wahrnehmung von Ungleichheit bei allen Beteiligten, die ständig eine entsprechende normative „Vergleichsarbeit“ leisten, die Legitimationsdruck erzeugen und interessenpolitische Aktivierung, aber auch Schließungen und Abgrenzungen befördern kann (Wolf 2017). Außerdem erscheinen die fragmentierten Organisations- und Arbeitsverhältnisse jederzeit als offensichtlich „gemachte“, die sich interessengesteuert ständig verändern und als (betriebs- oder gewerkschafts-) politisch beeinflussbar erscheinen.

Drittens wirft der Rekonstruktionsversuch der Fragmentierungsentwicklung grundsätzliche theoretische Fragen der Arbeitssoziologie auf. Es zeigt sich, wie eng der Analysefokus der früheren Studien der frühen fordistischen Logik folgte und dabei insbesondere die Kooperationsdimension von Arbeit fast völlig ausblendete. Der zunehmenden Fragmentierung und den neuen über- bzw. zwischen-betrieblichen Vernetzungs- und Kooperationsbeziehungen wird die Arbeitsanalyse damit bis heute nicht wirklich gerecht.

Zu nennen ist schließlich viertens ein methodisches Ergebnis. Es wird deutlich, dass von vornherein plurale Organisationsperspektiven in Rechnung gestellt und in die Untersuchung einbezogen werden müssen, will man die auch in anderen Bereichen zunehmend fragmentierten Arbeitsstrukturen angemessen erforschen. Entsprechende organisationsübergreifende Untersuchungsdesigns müssen deshalb intensiver erprobt, aber zugleich auch im zuvor angedeuteten Sinne arbeits- und kooperationsanalytisch „geerdet“ werden.

Dieses Pilotprojekt hat also nicht zuletzt deutlich gemacht, dass eine Neuausrichtung der arbeitssoziologischen Analysekategorien wie auch Methodik notwendig ist und ansatzweise gezeigt, wie diese aussehen könnte (Wolf 2018; 2019). Dieses Ergebnis repräsentiert damit ein Beispiel für einen möglichen besonderen Nutzen qualitativer Sekundäranalytik: wie eine zunächst vor allem historisch-empirisch ausgerichtete Sekundäruntersuchung zur Klärung einer aktuellen arbeitssoziologischen Problemstellung beitragen, wichtige theoretische und methodische Probleme sichtbar machen und zugleich einen Beitrag zur Lösung dieser Probleme leisten kann.