Fragmentierte Arbeit

Fragmentierte Arbeit 2017-10-02T09:47:43+00:00

Fragmentierte Arbeit

Bearbeiter: PD. Dr. Harald Wolf, SOFI

Nicht zuletzt Unternehmensstrategien, die auf eine stärkere zwischenbetriebliche Arbeitsteilung setzen bzw. diese zur Folge haben, führten in den letzten Jahrzehnten zu einer zunehmenden Ungleichheit und Unsicherheit von Arbeit. Durch Outsourcing und Verlagerung kam es zur Ab­spaltung und Neuverteilung einer Vielzahl von Arbeitsprozessen in und vor allem zwischen Unternehmen bzw. Betrieben. In den entstehenden fragmentierten Produktions- und Lieferketten existieren höchst hete­rogene Arbeits- und Beschäftigungsverhältnisse Seite an Seite. Diese Neuverteilung und Neuordnung von Arbeits- und Kooperationsbeziehungen kann sehr weitreichende Folgen für die konkrete Gestaltung und subjektive Wahrnehmung von Arbeit sowie die Interessenpolitik haben – Folgen, die von der Forschung bisher nur unzureichend erfasst worden sind und die in diesem zweiten am SOFI durchgeführten Pilotprojekt in den Blick genommen werden sollen.

Zielsetzung und Fragestellung

Ziel des Pilotrojektes Fragmentierte Arbeit ist es, eine Art Landkarte der in den letzten drei Jahrzehnten entstandenen und sich weiterentwickelnden Gesamtlandschaft „fragmentierungsbetroffener“ Tätigkeitstypen und Kooperationsformen in der Automobilindustrie zu zeichnen. Dies soll mit Hilfe a) von Sekundäranalysen vorhandenen Materials und b) von neuen empirischen Erhebungen geschehen.

  1. Sekundäranalysen: Die Automobil- und Automobilzulieferindustrie ist eine Branche mit einerseits hoher Fragmentierungsdynamik, andererseits relativ guter Quellenlage, was arbeitssoziologische Forschung anbelangt. Hier liegt eine ganze Reihe von SOFI-Studien zur Entwicklung von Arbeit und Arbeitsbeziehungen vor, die allerdings noch nicht unter dem Gesichtspunkt zunehmender Fragmentierung ausgewertet wurden. Das soll in dem Projekt für den Zeitraum von 1980-2015 geschehen, wobei das Augenmerk der IT-gestützten Sekundäranalysen sowohl auf der Entwicklung von Produktionsbereichen (insbesondere die End­montage und entsprechende neue Arbeitsteilungen im Logistik- und Vormontagebereich) wie auch von Forschungs- und Entwicklungsbereichen, für die inzwischen ebenfalls Fragmentie­rungstendenzen charakteristisch sind, liegen soll.
  2. Neue empirische Erhebungen: Darüber hinaus werden ergänzend Follow-Up-Fallstudien in „fragmentierungsbetroffenen“ Bereichen durchgeführt, die im Rahmen einer neueren SOFI-Studie – mit anderem thematischen Akzent – bereits erforscht wurden. Exemplarisch werden zwei Konstellationen in unterschiedlichen Konzernzusammenhängen herausgegrif­fen. Die erste Konstellation steht schwerpunktmäßig für Produktionsfragmentierung, die zweite für Fragmentierte Arbeit in Forschung und Entwicklung. Hier werden je Konstellation ein Endhersteller und zwei Zuliefer- bzw. Werkvertragsunternehmen einbezogen werden, in denen jeweils mehrere Expertengespräche sowie Gruppengespräche mit Beschäftigten geführt werden.

Erste Ergebnisse (Stand: Mai 2017)

Auf Grundlage der bisherigen Auswertungen „am Nullpunkt“ (um 1980) sowie „am Fluchtpunkt“ (um und nach 2015) fragmentierter Arbeit zeichnen sich folgende vorläufige Ergebnisse ab (die zunächst nur das Untersuchungsfeld Produktion und noch nicht den Forschungs- und Entwicklungsbereich betreffen):

Am „Nullpunkt“ ist noch ein umfassendes Integrationskonzept als Organisationsmodell der Automobilproduktion charakteristisch, Fragmentierung scheint strategisch noch gar keine Option darzustellen: Kontrolle und Koordination möglichst vieler Funktionen und Tätigkeiten sollen hierarchisch innerhalb der Grenzen eines Unternehmens erfolgen (das geht bis hin zur Integration der Eigenfertigung von Produktionsmitteln, z.B. von Industrierobotern). Arbeitsteilung wird von den Akteuren weitgehend als „technischer“ Sachzwang aufgefasst. Dabei zeigen sich deutliche Trenn- und auch Konfliktlinien zwischen Belegschaftsgruppen und Management entlang hierarchisierter Linien von Arbeitsteilung; insbesondere die sog. Kragenlinie zwischen Arbeitern und Angestellten sowie die Konfliktlinie zu Vorgesetzten und Management sind ausgeprägt.

Am „Fluchtpunkt“ findet man hingegen eine weitgetriebene Fragmentierung mit deutlicher Akzentuierung von organisationalen/zwischenbetrieblichen und rechtlichen Trennlinien vor. Arbeitsteilung erscheint den Akteuren hier nun sehr deutlich als soziale Tatsache, d.h., sie ist eine „gemachte“ (durch bewusste Strategien, Vertragskonstruktionen geschaffene und veränderbare). Zusammenhang wie Vergleich mit anderen „Fragmenten“ der Arbeits- und Beschäftigungsarrangements sind für die Akteure permanent Alltagsproblem und Thema. Die komparativen normativen Orientierungen, die dabei ins Spiel kommen, tragen im Untersuchungsfall interessanterweise weniger zur Relativierung von (Gerechtigkeits-) Ansprüchen oder etwa zur sozialen Abgrenzung bei denn zu einer beachtlichen interessenpolitischen Aktivierung (Betriebs­­rats­­­gründung, Gewerkschaftsbeitritte, Aktionen).