Die deut­sche Auto­mo­bil­in­dus­trie gilt als eine Hoch­burg sozi­al- oder konfliktpartnerschaft­licher Arbeits­be­zie­hun­gen. Betriebs­rä­te sind, zumin­dest bei den erfolg­rei­chen Endherstel­lern der Bran­chen, aner­kann­te Mit­ge­stal­ter der Arbeits- und Betriebs­po­li­tik, die gewerk­schaftlichen Orga­ni­sa­ti­ons­gra­de sind sehr hoch, die Tarif­de­ckung umfas­send und die gewerk­schaft­li­chen Ver­tre­tungs­struk­tu­ren in den Betrie­ben gut aus­ge­baut. Zwar sind Warn­streiks kei­ne Sel­ten­heit, wirk­li­che Streiks aller­dings schon.

Den­noch hat sich die Qua­li­tät der Arbeits­be­zie­hun­gen seit Ende der 1970er Jah­re deut­lich ver­än­dert. Im Blick zurück wird eine Neo­li­be­ra­li­sie­rung sicht­bar, wenn Insti­tu­tio­nen und Akteu­re im Zusam­men­hang des Kräf­te­fel­des betrach­tet wer­den, in dem sie wir­ken. Die­ses wird durch die Markt­stra­te­gien und – bedin­gun­gen der Kon­zer­ne, durch die damit ver­bun­de­nen unter­neh­me­ri­schen Ratio­na­li­sie­rungs­stra­te­gien sowie durch insti­tu­tio­nel­le Rah­men­be­din­gun­gen auf­ge­spannt. Ver­än­dert sich das Kräf­te­feld, so die Annah­me, wan­deln sich auch die Funk­tio­nen der Insti­tu­tio­nen und die Akteurs­stra­te­gien.

Gestützt auf die Sekun­där­ana­ly­se von Exper­ten­in­ter­views mit Betriebs­rä­ten, Mana­gern und Gewerk­schafts­se­kre­tä­ren, auf neue Zeit­zeu­gen­in­ter­views und auf Doku­men­ten­ana­ly­sen lässt sich in Anleh­nung an Micha­el Bura­woy die Her­aus­bil­dung eines sog. ›Hege­mo­nia­len Markt­des­po­tis­mus‹ nach­zeich­nen: Seit Ende der 1970er Jah­re wirk­te im Schat­ten von Kri­sen­pro­zes­sen Arbeits- und Wett­be­werbs­markt­druck dis­zi­pli­nie­rend auf Beleg­schaf­ten und deren Reprä­sen­tant / innen ein. Der Erhalt von Arbeits­plät­zen als Ziel, von Wettbe­werbsfähigkeit als Mit­tel zum Zweck wur­de zu zen­tra­len The­men. Die frü­hen 1990er Jah­re wur­den eine Beschleu­ni­gungs­pha­se von Ent­wick­lun­gen, die bereits in den frü­hen 1980er Jah­ren ein­setz­ten.

Die­ser Mark­tes­po­tis­mus wirk­te sich gefil­tert in den Kon­zer­nen aus: auf der Basis einer aus­ge­bau­ten Mit­be­stim­mung und ermäch­tigt durch hohe gewerk­schaft­li­che Organisa­tonsmacht ent­wi­ckel­ten sich Beleg­schafts­ver­tre­ter / innen zu ›Ratio­na­li­sier / innen in Eigen­re­gie‹. Sie ver­ban­den die Suche nach post-tay­lo­ris­ti­schen Humanisierungspotenzia­len mit dem Stre­ben, die Wett­be­werbs­fä­hig­keit zu ver­bes­sern – sozi­al moti­viert, um errun­ge­ne Stan­dards der Beleg­schaf­ten zu bewah­ren und Arbeits­plät­ze zu sichern.