Über die sub­jek­ti­ven Ver­ar­bei­tungs­for­men von Pre­ka­ri­sie­rung und Pre­ka­ri­tät im individu­ellen All­tag und Lebens­zu­sam­men­hang liegt mitt­ler­wei­le eini­ges an empi­risch unter­leg­ten Erkennt­nis­sen vor. Weni­ger bekannt hin­ge­gen ist, wel­chen Ein­fluss die Erfah­rung von Pre­ka­ri­tät auf Ein­stel­lun­gen etwa zu Poli­tik, Gesell­schaft und Zeit­ge­sche­hen hat. Zwar wird der media­le Dis­kurs etwa über die angeb­li­che popu­lis­ti­sche Anfäl­lig­keit der Under­dogs und Unter­klas­se medi­al eini­ger­ma­ßen breit geführt – die ent­spre­chen­de empi­ri­sche For­schung steht bis­lang jedoch größ­ten­teils aus. Gibt es ein spe­zi­fisch kon­tu­rier­tes Gesell­schafts­bild jener, die zum soge­nann­ten ›Pre­ka­ri­at‹ gezählt wer­den?

Die­se Fra­ge unter­sucht das eLa­bour-Teil­pro­jekt ›Das Gesell­schafts­bild des Pre­ka­ri­ats‹. Dazu wer­den qua­li­ta­ti­ve Mate­ri­al­be­stän­de der Jah­re 2005 bis 2013 sekun­där­ana­ly­tisch auf Ele­men­te und Bestand­tei­le von Gesell­schafts­bil­dern hin unter­sucht, und im Rah­men einer Nach­er­he­bung wer­den zusätz­lich knapp 70 Inter­views mit sicher und pre­kär Beschäftig­ten, Erwerbs­lo­sen sowie Geflüch­te­ten ver­schie­de­ner Zonen sozia­ler Ver­wund­bar­keit geführt. Dar­in zeigt sich, dass die Erfah­rung sozia­ler Ver­un­si­che­rung durch­aus zu poli­ti­scher Resi­gna­ti­on, dem frus­trier­ten Rück­zug aus der (partei-)politischen Sphä­re sowie mit­un­ter einer Ent­kop­pe­lung der eige­nen Lebens­welt vom Gesche­hen der Mehr­heitsgesellschaft füh­ren kann, die häu­fig in einer dicho­to­mi­schen Gegen­über­stel­lung von Volk und Eli­ten Aus­druck fin­det. Ver­bun­den mit Ver­ein­ze­lung und der Beja­hung sozia­ler Selek­ti­ons­me­cha­nis­men kann dies eine Hal­tung bedin­gen, die rechts­po­pu­lis­tisch gewen­det wer­den kann – gleich­wohl bestehen auch Mög­lich­kei­ten einer Poli­ti­sie­rung von links.

Im Vor­trag wer­den die Ergeb­nis­se prä­sen­tiert und der spe­zi­fi­sche Nut­zen des sekundär­analytischen Vor­ge­hens her­aus­ge­stellt. Es eig­net sich nicht nur zur Bear­bei­tung grö­ße­rer Daten­men­gen und zur his­to­ri­sie­ren­den Rück­schau – der sekun­där­ana­ly­ti­sche Blick in frü­he­re Mate­ri­al­be­stän­de macht es mit­un­ter erst mög­lich, gegen­wär­ti­ge Befun­de einzu­ordnen und mög­li­che Lini­en ihrer Ent­wick­lung zu ver­ste­hen.