39. Kon­gress der Deut­schen Gesell­schaft für Sozio­lo­gie (DGS) »Kom­ple­xe Dyna­mi­ken glo­ba­ler und loka­ler Ent­wick­lun­gen« 2018 in Göt­tin­gen

Die nach­hal­ti­ge Archi­vie­rung und Sekun­där­ana­ly­se qua­li­ta­ti­ver Daten hat in den letz­ten Jah­ren in der wis­sen­schaft­li­chen Debat­te, aber auch in der For­schungs­pra­xis zuneh­mend an Bedeu­tung gewon­nen. Noch ist aber offen, ob es gelin­gen wird, die damit ver­bun­de­nen erwei­ter­ten Mög­lich­kei­ten der Daten­nut­zung mit einem ent­spre­chen­den metho­di­schen Instru­men­ta­ri­um so zu ver­bin­den, dass sich für die Sozio­lo­gie neue Mög­lich­kei­ten der Dia­gno­se gesell­schaft­li­cher Ent­wick­lun­gen eröff­nen. Es ist des­halb Zeit für eine Stand­ort­be­stim­mung: Wel­che spe­zi­fi­schen empi­ri­schen wie auch theo­re­ti­schen Erkennt­nis­se kön­nen über die Sekun­där­ana­ly­se qua­li­ta­ti­ver Daten erzielt wer­den? Wel­che metho­di­schen Erfah­run­gen lie­gen bis­lang vor? Wie muss die Sekun­där­ana­ly­se wei­ter ent­wi­ckelt wer­den, damit sie zu einem Stan­dard­in­stru­ment qua­li­ta­ti­ver Sozi­al­for­schung wird?

Mit die­sen Fra­gen greift die Ad-Hoc-Grup­pe das Kon­gress­the­ma „Kom­ple­xe Dyna­mi­ken glo­ba­ler und loka­ler Ent­wick­lun­gen“ unter metho­di­schen wie auch inhalt­li­chen Per­spek­ti­ven auf: Mit der Sekun­där­ana­ly­se qua­li­ta­ti­ver Daten stellt sie eine Erwei­te­rung des metho­di­schen Instru­men­ta­ri­ums zur Dis­kus­si­on und über­prüft, inwie­weit sol­che For­schungs­de­signs, in denen (zu unter­schied­li­chen Zeit­punk­ten erho­be­ne) Daten­sät­ze ver­glei­chend aus­ge­wer­tet wer­den, neue Mög­lich­kei­ten der Ana­ly­se kom­ple­xer gesell­schaft­li­cher Ent­wick­lun­gen im Zeit­ver­lauf eröff­nen. Mit der Fokus­sie­rung auf den Bereich der Arbeit nimmt sie ein Teil­sys­tem der Gesell­schaft in den Blick, in dem sich glo­ba­le und loka­le Ent­wick­lun­gen mit mas­si­ven gesell­schaft­li­chen Aus­wir­kun­gen ver­bin­den, und unter­wirft es einer neu­en Sicht­wei­se: Der jün­ge­re his­to­ri­sche Struk­tur­wan­del von Arbeit wird heu­te – retro­spek­tiv – häu­fig in Begrif­fen einer stei­gen­den Sub­jek­ti­vie­rung und Ver­markt­li­chung ana­ly­siert. Aber wie las­sen sich sol­che Ent­wick­lun­gen beschrei­ben, wenn wir die aktu­el­len arbeits­so­zio­lo­gi­schen Kate­go­rien auf die Pha­se for­dis­ti­scher Arbeits­or­ga­ni­sa­ti­on und ihre ver­schie­de­nen Umbruchs­sta­di­en anwen­den und die­se sys­te­ma­tisch mit aktu­el­len Ratio­na­li­sie­rungs­be­din­gun­gen ver­glei­chen? Wel­che Kor­rek­tu­ren, Rela­ti­vie­run­gen oder auch Schär­fun­gen der Wand­lungs­the­sen wer­den durch eine Sekun­där­ana­ly­se von his­to­ri­schem und aktu­el­len Mate­ri­al ange­regt?

Die For­schungs­er­geb­nis­se, die von den Refe­ren­tin­nen und Refe­ren­ten der Ad-Hoc-Grup­pe prä­sen­tiert wer­den, ver­bin­den inhalt­li­che Erkennt­nis­se zum Wan­del von Arbeit mit einer metho­di­schen Refle­xi­on der Mög­lich­kei­ten, die mit einer sekun­där­ana­ly­ti­schen Nach­nut­zung qua­li­ta­ti­ver Daten­sät­ze ver­bun­den sind. Dabei ist es für das hier prä­sen­tier­te For­schungs­feld der Arbeits- und Indus­trie­so­zio­lo­gie typisch, dass sol­che Daten­sät­ze in Form von Betriebs­fall­stu­di­en und ent­spre­chen­dem empi­ri­schen Mate­ri­al (Inter­views mit Beschäf­tig­ten und Exper­ten, Arbeits­platz­be­ob­ach­tun­gen u.a.m.) vor­lie­gen. Die Erkennt­nis­se, die aus der Ver­an­stal­tung der Ad-hoc-Grup­pe zu zie­hen sein wer­den, sol­len jedoch über den Bereich der Arbeits- und Indus­trie­so­zio­lo­gie hin­aus­rei­chen und gene­rell für das Fach etwa für die Metho­den­ent­wick­lung oder die gesell­schaft­li­che Zeit­dia­gno­se nutz­bar sein.


Das geplan­te Pro­gramm für die Ad-Hoc-Grup­pe am Frei­tag, 28.09.2018 von 9.00 — 11.45 Uhr

  • Peter Bir­ke (Uni­ver­si­tät Göt­tin­gen) / Nico­le May­er-Ahu­ja (Uni­ver­si­tät Göt­tin­gen / SOFI): Geht nicht – bringt nichts? Ein neu­er Blick auf all­täg­li­che Arbeits­er­fah­rung und Labour Unrest seit den 1990er Jah­ren auf Basis der Sekun­där­ana­ly­se arbeits­so­zio­lo­gi­schen Mate­ri­als
  • Wolf­gang Menz (Uni­ver­si­tät Ham­burg) / Sarah Nies (ISF Mün­chen): Auto­ri­tät, Markt und Sub­jekt. Ergeb­nis­se einer sekun­där­ana­ly­ti­schen Längs­schnitt­stu­die
  • Tho­mas Goes (SOFI Göt­tin­gen): Von Befrei­ung, Bewäh­rungs­pro­ben und Wett­be­werbs­bünd­nis­sen. Ratio­na­li­sie­rung und Arbeits­be­zie­hun­gen in der deut­schen Auto­in­dus­trie zwi­schen 1980 und 2000
  • Jakob Kös­ter (Uni­ver­si­tät Jena) / John Lüt­ten (Uni­ver­si­tät Jena): Pre­ka­ri­tät und All­tags­be­wusst­sein – zur sekun­där­ana­ly­ti­schen Unter­su­chung von Gesell­schafts­bil­dern
  • Hei­ke Jacob­sen (TU Cott­bus) / Ellen Hilf (sfs Dort­mund): „Beruf“ als Mythos und Fik­ti­on – sekun­där­ana­ly­ti­sche Rekon­struk­ti­on der Bedeu­tung von Berufs­fach­lich­keit aus der Per­spek­ti­ve von Unter­neh­men und Beschäf­tig­ten im Ein­zel­han­del seit den 1980er Jah­ren