Das Gesellschaftsbild des Prekariats

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Das Gesellschaftsbild des Prekariats 2017-07-27T13:49:28+00:00

IfS Jena: Das Gesellschaftsbild des Prekariats

Bearbeiter: John Lütten und Jakob Köster

Das Jenaer Teilprojekt untersucht den Zusammenhang von Prekarisierungs- bzw. Prekaritätserfahrungen und Einstellungsmustern gegenüber Politik, Gesellschaft und Zeitgeschehen. Auf Grundlage einer Typologie, die verschiedene Konstellationen sozialer und ökonomischer Sicherung abbildet und sie verschiedenen Zonen bzw. Typen zuordnet, werden Datensätze mit stabil oder prekär Beschäftigten sowie Erwerbslosen erschlossen und sekundäranalytisch ausgewertet. Entlang der beruflichen und sozioökonomischen Situation der Befragten wurden daraufhin politische Einstellungs- und Orientierungsmuster sowie Elemente von Gesellschaftsbildern herausgearbeitet. Leitend für das Teilprojekt ist die Frage, ob sich Koordinaten und Bestandteile eines Gesellschaftsbildes ausmachen lassen, das auf die Erfahrung von Entsicherung und (drohendem) sozialen Abstieg gründet und – womöglich in verschiedenen Ausprägungen – unterschiedliche soziale Gruppen miteinander verbindet. Inhaltlich soll das Teilprojekt somit dazu beitragen, die Prekaritätsforschung um die Dimension des Gesellschaftsbildes zu erweitern. Mit Blick auf das sekundäranalytische Forschungsdesign dient das Projekt auch der Sichtung und Auswertung früherer Materialbestände unter der gegebenen Fragestellung.

Zunächst wurde das Projektdesigns konkretisiert und die inhaltliche sowie technische Konzeption und Planung der Sekundäranalyse bzw. des abgeschlossen. Insgesamt sechs Datensätze aus abgeschlossenen Projekten des Arbeitsbereiches Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftsoziologie (Forschungsgruppe Dörre) wurden gesichtet und daraus drei Datensätze für die Sekundäranalyse ausgewählt. In Gesprächen mit den arbeitssoziologischen Projektpartnern wurden zwei weitere passende Datensätze identifiziert und in das Projektdesign integriert. Das in Jena vorliegende Material wurde für die Sekundärananlyse erschlossen und aufbereitet. Die sekundäranalytische Auswertung von zwei Datensätzen wurde abgeschlossen und in ersten inhaltlichen Schlussfolgerungen verdichtet. Seit März 2017 werten wir vier weitere Datensätze mit insgesamt fünfzig Interviews sekundäranalytisch aus. Eine empirische Nacherhebung (Follow-up- Studie) wird im Zeitraum Mai – Oktober 2017 durchgeführt.

Die sekundäranalytische Auswertung von qualitativen Materialbeständen verschiedener Erhebungskontexte und -zeitpunkte unter einer neuen inhaltlichen Fragstellung wirft methodische Fragen hinsichtlich der Vorgehensweise und der Vergleichbarkeit der Ergebnisse auf. Wir haben uns für eine Mischung aus theoriegeleitet-deduktivem und materialbasiert-induktivem Vorgehen entschieden, um sowohl der Fragestellung des Teilprojekts als auch Spezifika der Beschaffenheit des Interviewmaterials Rechnung tragen zu können. Dazu wurde im Berichtszeitraum ein Kodierleitfaden entwickelt, in den sowohl theoretische Annahmen u.a. der Prekaritätsforschung und der klassischen Lohnabhängigenbewusstseinsforschung als auch Hinweise auf Elemente von Gesellschaftsbildern, die sich in der vorliegenden Empirie vorfinden lassen, eingeflossen sind. In einem Testlauf wurde der Kodierleitfaden, der 6 Ober- und 36 Unterkategorien umfasst, probeweise auf Interviews aus verschiedenen Datensätzen angewandt und entsprechend weiterentwickelt.

Erste Befunde:

Die Auswertung des ersten Datensatzes, der 18 Interviews mit (z.T. ehemaligen) Beziehern staatlicher Transferleistungen (ALG II) aus dem Jahr 2011 umfasst, hat erste inhaltliche Ergebnisse geliefert: So findet sich unter den Befragten eine überraschend einheitliche Tendenz zum Rückzug aus dem politischen Leben und zur Entkoppelung der eigenen Lebensführung vom (partei-)politischen Geschehen und der Mehrheitsgesellschaft. „Die Politik“ ist Gegenstand einer häufig affektgeladenen, abstrakt-allgemeinen Elitenkritik, die ökonomische und politische Eliten tendenziell zu einem nur vage gefassten „Oben“ vermengt und rundheraus ablehnt. Nicht ökonomische Ungleichheit und Umverteilung, sondern vor allem die fehlende politische Repräsentation ist die primäre Quelle des Unmuts im untersuchten Sample. Und obwohl viele der Befragten sich dabei – implizit oder offen artikuliert – zu einem sozioökonomisch bzw. politisch benachteiligten Teil der Gesellschaft zählen, lassen sich keine Hinweise auf eine kollektive Identität finden. Im Gegenteil: Im konkreten Alltag und sozialen Nahbereich dominiert der gesellschaftlich vorgegebene Modus privater und individualisierter Krisenlösung. Und viele der Befragten greifen auf Muster und Diskursfiguren der sozialen Abwertung zurück, um sich gegenüber anderen (oder imaginierten) Transferleistungsbeziehern aufzuwerten. Nicht selten kommt dabei ein „populistisches Grundmuster“ zum Tragen, das jedoch nicht zwangsläufig mit Offenheit für Ideologeme der politischen Rechten einhergeht: Explizit rechte und rechtspopulistische Deutungsmuster finden sich nur in Versatzstücken und bei einer Minderheit der Befragten.

Die Ergebnisse dieser ersten Auswertung sind ein inhaltlicher Referenzpunkt für die weitere Sekundäranalyse. Wir prüfen, ob sich ähnliche Einstellungs- und Orientierungsmuster auch bei anderen Gruppen finden, die wir anhand der o.g. Typologie auswählen und zuordnen.