Widersprüchliche Integration von Frauen in Dienstleistungsarbeit

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Widersprüchliche Integration von Frauen in Dienstleistungsarbeit 2017-07-27T13:50:46+00:00

Sfs Dortmund: Widersprüchliche Integration von Frauen in Dienstleistungsarbeit

BearbeiterInnen: Ellen Hilf, Dr. Katja Pohlheim, in Kooperation mit Prof. Heike Jacobsen /TU Cottbus)

Das sekundäranalytische Pilotprojekt geht den Verschränkungen zwischen dem Wandel der Geschlechterverhältnisse und den sektorspezifischen Formen der Reorganisation im Einzelhandel nach und will dies zusammen mit einer Follow-up-Erhebung in eine Längsschnittperspektive integrieren für die Zeit von 1980 bis heute. Gefragt wird nach den beruflichen Orientierungen der im Verkauf tätigen Frauen und d en Rationalisierungsstrategien dieser Branche. Die Pilotstudie greift damit die für die frühen Projekte der Sozialforschungsstelle prägende Kombination von Fragestellungen aus der Geschlechterforschung und der Arbeits- und Industriesoziologie auf. Das Teilprojekt wird in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Heike Jacobsen (Lehrstuhl Wirtschafts- und Industriesoziologie an der BTU Cottbus) durchgeführt.

Eine unserer zu überprüfenden Thesen geht dahin, dass der Einzelhandel zwar eine „Frauenbranche“ geblieben ist, dies heute jedoch möglicherweise nur noch numerisch, in der Beschäftigungsstruktur, jedoch weniger im Verständnis als „typische Frauenbranche“ aufgrund eines angenommenen spezifischen natürlichen weiblichen Arbeitsvermögens. Es könnte sein, dass die Qualität der Arbeit im Verkauf und die beruflichen Perspektiven sich weiter gewandelt haben, dies jedoch in positiver wie in negativer Richtung für beide Geschlechter, mit unterschiedlicher Ausprägung.

Wir haben uns entschieden, die erste dieser Studien, die sogenannte „Verkäuferinnen- Studie“ (Veröffentlichung 1986: Goldmann, Monika/Müller/Ursula: „Junge Frauen im Verkaufsberuf. Berufliche Sozialisation, Arbeits- und Lebensperspektiven“) zum inhaltlichen und zeithistorischen Hauptbezugspunkt für die Sekundäranalyse zu machen. Diese erste der sfs-Studien der geschlechtersensiblen Arbeitsforschung bzw. arbeitsbezogenen Geschlechterforschung stellt die Beziehung der Geschlechterverhältnisse in der gesellschaftlichen Organisation von Arbeit in der beruflichen wie in der privaten Sphäre in den Mittelpunkt und die Art und Weise, wie die jungen Frauen versuchen, die jeweiligen Bedingungen mit ihren Ansprüchen auf berufliche und Erwerbsperspektiven zu verbinden. Die Studie fokussiert außerdem als eine der ersten in der deutschen Arbeits- und Industriesoziologie überhaupt auf Dienstleistungsarbeit im Handel, einer Branche mit einer hohen Bedeutung für den Arbeitsmarkt und insbesondere für die Beschäftigung von Frauen. Das qualitative Datenmaterial der Studie ist zudem vorbildlicher Weise dokumentiert: alle 140 Interviews mit Expert*innen und mit Beschäftigten liegen vollständig transkribiert vor.

Weitere Studien aus den nachfolgenden Jahren werden nach und nach partiell in die Analyse integriert. Dies sind vor allem die sfs-Studien „Trends betrieblicher Modernisierung im Einzelhandel. Neue Wege des Technikeinsatzes, der Arbeitsgestaltung und Personalpolitik in einer Frauenbranche“, „Beschäftigung und Arbeitsbedingungen im Einzelhandel vor dem Hintergrund neuer Öffnungszeiten“ und „Umbruch des Einzelhandels in Ostdeutschland“. Dass im Forscherinnenteam Erzeugerinnen der Primärstudien mitarbeiten, erleichtert die Identifikation von geeignetem Primärmaterial dieser Studien.

Die digital vorliegenden Interviews mit Beschäftigten und Expert*innen wurden anhand eines dafür entwickelten Kategorienschemas untersucht und zugleich auf weitere, emergierende Codes hin analysiert. Das Kategorienschema wird im Zuge der Auswertung der Follow-up-Erhebung weiterentwickelt werden.

In Vorbereitung der Sekundäranalyse wurde ein ausführliches, mehrstündiges Erzeugerinneninterview mit der Projektleiterin der „Verkäuferinnen-Studie“ gef hrt, das den gesellschaftlichen, den wissenschaftlichen und den geschlechterpolitischen Zeitkontext sowie das zum Teil methodologische Neuland deutlich werden ließ, das die Forscherinnen damals betraten.

In 2016 wurde mit der Rekonstruktion der Entwicklung der Erwerbstätigkeit bzw. Beschäftigungsstrukturen im stationären Einzelhandel in Deutschland (bzw. zunächst Westdeutschland bis 1991) von ca. 1980 bis in die Gegenwart begonnen. Dazu werden im Rahmen eines Werkvertrages von Prof. Jacobsen Daten aus dem Mikrozensus, der Beschäftigtenstatistik, der Volks- und Arbeitsstättenzählungen, der Statistik des Handels sowie statistische Erhebungen der Verbände des Handels und der Gewerkschaften nach Geschlecht, Betriebsform, Art des Beschäftigungsverhältnisses und weiteren Merkmalen ausgewertet. Erste Ergebnisse dieser Auswertungen liegen inzwischen vor. So ist nach Auswertung der Mikrozensus-Daten die Gesamtzahl der Erwerbstätigen in Verkaufsberufen („Verkäufer*in“, „Verkaufspersonal“) stark angestiegen. Hinsichtlich der Geschlechterverhältnisse sind die Verkaufsberufe sind auch in langfristiger Betrachtung Frauenberufe geblieben: Die Frauen dominierten mit jeweils 80 bis 85 Prozent der gesamten Erwerbstätigkeit. Massive Veränderungen ergaben sich bezüglich der Arbeitszeit. Während 1980 zwei Drittel der im Verkauf tätigen Frauen Vollzeit beschäftigt waren, ging in den dreißig Jahren bis 2015 der Anteil der Vollzeitbeschäftigten unter den Frauen auf 30 Prozent aller in diesen Berufen Tätigen zurück. Bei den Männern waren die Verschiebungen zu Gunsten von Teilzeit und zu Lasten von Vollzeit sehr viel weniger ausgeprägt und spielten sich auf einem völlig anderen Niveau ab: Auch bei ihnen ging der Anteil der Vollzeitbeschäftigten zurück, von 95 Prozent 1980 auf 75 Prozent 2015. Die Struktur der Gesamterwerbstätigkeit in den Verkaufsberufen hat sich also im betrachteten Zeitraum im Hinblick auf die Verteilung von Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigten grundlegend verändert. Dabei ist besonders auffallend, dass sich der Anteil der Frauen, die in geringer Teilzeit arbeiten, massiv gestiegen ist.

Im weiteren Verlauf wird zu untersuchen sein, wie diese drastischen Veränderungen der Beschäftigungsstrukturen sich im beruflichen Selbstverständnis der im Handel beschäftigten Frauen und Männer niedergeschlagen haben. Die Ausbildung in Verkaufsberufen rangiert immer noch an der Spitze aller Ausbildungsberufe. Wie die Wahl für den Beruf mit den immer ungünstigeren Bedingungen für eine existenzsichernde Erwerbstätigkeit im Einzelhandel von den Beschäftigten verknüpft wird, ist eine der Kernfragen für die Follow-up-Studie.

Erste Befunde: