Thomas Goes: Von Bewährungsproben und Wettbewerbsbündnissen. Arbeitsbeziehungen in der deutschen Autoindustrie zwischen 1980 und 2005

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Thomas Goes: Von Bewährungsproben und Wettbewerbsbündnissen. Arbeitsbeziehungen in der deutschen Autoindustrie zwischen 1980 und 2005

Die deutsche Automobilindustrie gilt als eine Hochburg sozial- oder konfliktpartnerschaft­licher Arbeitsbeziehungen. Betriebsräte sind, zumindest bei den erfolgreichen Endherstel­lern der Branchen, anerkannte Mitgestalter der Arbeits- und Betriebspolitik, die gewerk­schaftlichen Organisationsgrade sind sehr hoch, die Tarifdeckung umfassend und die gewerkschaftlichen Vertretungsstrukturen in den Betrieben gut ausgebaut. Zwar sind Warnstreiks keine Seltenheit, wirkliche Streiks allerdings schon.

Dennoch hat sich die Qualität der Arbeitsbeziehungen seit Ende der 1970er Jahre deutlich verändert. Im Blick zurück wird eine Neoliberalisierung sichtbar, wenn Institutionen und Akteure im Zusammenhang des Kräftefeldes betrachtet werden, in dem sie wirken. Dieses wird durch die Marktstrategien und – bedingungen der Konzerne, durch die damit verbundenen unternehmerischen Rationalisierungsstrategien sowie durch institutionelle Rahmenbedingungen aufgespannt. Verändert sich das Kräftefeld, so die Annahme, wandeln sich auch die Funktionen der Institutionen und die Akteursstrategien.

Gestützt auf die Sekundäranalyse von Experteninterviews mit Betriebsräten, Managern und Gewerkschaftssekretären, auf neue Zeitzeugeninterviews und auf Dokumentenanalysen lässt sich in Anlehnung an Michael Burawoy die Herausbildung eines sog. ›Hegemonialen Marktdespotismus‹ nachzeichnen: Seit Ende der 1970er Jahre wirkte im Schatten von Krisenprozessen Arbeits- und Wettbewerbsmarktdruck disziplinierend auf Belegschaften und deren Repräsentant / innen ein. Der Erhalt von Arbeitsplätzen als Ziel, von Wettbe­werbsfähigkeit als Mittel zum Zweck wurde zu zentralen Themen. Die frühen 1990er Jahre wurden eine Beschleunigungsphase von Entwicklungen, die bereits in den frühen 1980er Jahren einsetzten.

Dieser Marktespotismus wirkte sich gefiltert in den Konzernen aus: auf der Basis einer ausgebauten Mitbestimmung und ermächtigt durch hohe gewerkschaftliche Organisa­tonsmacht entwickelten sich Belegschaftsvertreter / innen zu ›Rationalisier / innen in Eigenregie‹. Sie verbanden die Suche nach post-tayloristischen Humanisierungspotenzia­len mit dem Streben, die Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern – sozial motiviert, um errungene Standards der Belegschaften zu bewahren und Arbeitsplätze zu sichern.

 

Von | 2018-09-20T15:27:51+00:00 20. September 2018|Abstract, Sekundäranalyse, Veranstaltung|1 Kommentar

Ein Kommentar

  1. Ralf Rath 3. Oktober 2018 um 17:46 Uhr - Antworten

    Zwar war der Arbeitsprozess „Gegenstand systematischer Untersuchungstätigkeit mit dem Ziel, die Mechanismen der Leistungsbegrenzung im Arbeitsvollzug zu erkennen und auszuschalten und damit die Profitabilität zu steigern“ (Kern, H., 1979: 231). Insofern aber die Lebenswelt des einzelnen Menschen außerhalb solch eines Zugriffs Dritter liegt (Wittke, V., 1996: 70), verlor sich die Strategie schon immer im Nichts. Ein aufgeklärtes Management bedient sich dessen nicht, weil dadurch die zu allen Zeiten stets nur sehr eng begrenzt verfügbaren Ressourcen lediglich vergeudet werden. Die Rede Burawoys von einem „hegemonialen Marktdespotismus“ setzt angesichts dessen ein kaum mehr erträgliches Ausmaß an Kompetenzdefiziten in den Führungsetagen der Unternehmen voraus (vgl. Oberbeck, H., in: Lompe, K.; Oberbeck, H. (Hrsg.), 2003: 105). Es wäre somit zu begründen, warum etwa Herrn Winterkorn als seines Zeichens früherer Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG nahezu jede Befähigung abgesprochen wird. Können dafür keine Belege erbracht werden, ergibt es keinen Sinn, sich an Burawoy anzulehnen.

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